The Best is yet to come!

Das Beste kommt noch!

ein Interview mit Marcel Hirscher

Dieser Text ist Teil eines der besten Interviews, die je mit Marcel geführt wurden. Es wurde für das Red Bull Bulletin 16 Monate nach der Bekanntgabe seines Rücktritts vom Skirennsport geführt.

Seit 16 Monaten weißt du, wie es sich anfühlt, eine große Karriere hinter sich zu haben...

Dieses Gefühl von „Shit, die beste Zeit meines Lebens ist vorbei!“ kenne ich überhaupt nicht. Mir geht’s genau um­gekehrt: Das Beste kommt noch! Das ist mein Motto, und so lebe ich jetzt auch.

Das Beste kommt noch! Ist das die Antwort auf die klassische Sportreporter-Frage, die in keinem Interview fehlen darf: Wie geht es dir in der Skipension?

Hahaha, nein, die Antwort darauf ist: Alter, ich bin gerade erst 32 geworden, ich bin nicht in Pension – und in Ski­pension schon gar nicht. Ich fang jetzt grad erst so richtig an!

Hast du am Übergang zwischen dieser irren Ära als Ski-Superstar und dem neuen Leben als Privatmann auf Anhieb deine Ideallinie gefunden?

Nein, natürlich nicht. Waren schon ein paar g’scheite Einfädler auch dabei. Egal ob beim Skifahren, Motorradfahren oder von einem Lebensabschnitt zum anderen – es ist keine Schande, wenn man bei ei­nem schwierigen Übergang die Ideallinie nicht gleich trifft: umfallen, aufstehen, besser machen. Und Regel Nr. 1 berücksichtigen...

'Alter, ich bin gerade erst 32 geworden, ich bin nicht in Pension – und in Ski­pension schon gar nicht. Ich fang jetzt grad erst so richtig an!'

Wie lautet Regel Nr. 1?

Immer g’scheit besichtigen! (Lacht.) Entscheidend für mich war wirklich, mei­ne Karriere gedanklich zu verarbeiten, zu verbuchen, zu reflektieren, die Eindrü­cke und Erfahrungen einzuordnen. Dafür war nie Zeit. Selbständige kennen das: Es ist ja nicht so, dass man rund um die Uhr am eigenen Projekt arbeitet, aber die Birne rattert dauernd für dieses Projekt, das einem so wichtig ist. Bei mir war es genauso: Ich war überhaupt nie nicht der Skirennläufer – nicht einmal im Sommer, in der Badehose am Strand.

Man denkt ja: Der permanente Kick, das Adrenalin, all das, was so ein Athletenleben eben ausmacht, das muss dir doch jetzt ziemlich abgehen, nicht?

Nein, wieso?! Ich habe davon jetzt mehr als früher! Ich habe viel darüber nachgedacht, was Spitzensport für mich im Kern ausmacht. Und bin draufgekommen: Heruntergebrochen sind Erfolge im Sport bestandene Bewährungsproben. Für diese „Yesss-Momente“ nimmst du vieles auf dich. Und, klar: Da war viel dabei im Skirennsport, jedes Mal mit Bestzeit ins Ziel kommen, jede Kugel, jede Medaille und Millionen winziger Meilensteine dazwischen. Der Unterschied ist: Jetzt hole ich mir meine „Yesss-Momente“ so oft und wo immer ich will. Wenn ich jetzt auf meinem Handy scrolle, ist die Galerie voller Erlebnisse und lachender Gesichter. Keine Woche verläuft so wie die andere. Und meistens sind es die Dinge, die ich für den Skisport ganz bewusst hintangestellt habe. Es gibt keine Leere nach der Karriere – es gibt eine Vielfalt und Fülle, die mich erfüllt, nach der ich mich gesehnt habe, die ich mir vor 16 Monaten aber noch gar nicht vorstellen konnte.

Klingt nach der Geschichte vom Meister, der wieder Schüler wurde...

Genau das! Zum Beispiel: Ich kann natürlich Ski fahren, ja. Aber wenn ich Freeriden gehe, bin ich in gewisser Weise trotzdem wieder Anfänger. Weil es dabei so vieles gibt, was ich noch nicht kann und noch nicht weiß. Und jedes Mal lerne ich was dazu. Von der richtigen Vorbereitung über die Einschätzung von Gefahren und Sicherheit bis zur Kurve, die ich fahren muss, damit man auf einem Video nicht nur eine riesige Schneewolke, sondern mich auch noch sieht.

Oder noch ärger beim Endurofahren: Ein Grundbesitzer lässt den Hiasi Walkner und mich da auf einer wilden Leitn fahren, wo wir weder Menschen noch Wild stören. Zu Fuß kommst dort, ohne dich mit den Händen anzuhalten, überhaupt nicht rauf. Die Challenge ist, mit dem Motorradl raufzufahren. Ich fahr Motorrad, seit ich ein kleiner Bub war. Und trotzdem ist das ein völlig neues Terrain für mich: Wenn ein paar Millimeter entscheiden, ob du diese zwei, drei Stundenkilometer Schwung z’sammbringst, um wirklich raufzukommen, oder ob dein Motorradl alle paar Meter wieder im Dreck liegt. Mehr Kick und Adrenalin geht fast nicht. Ich trink drei Liter bei so einer Session, die mir beim Helm wieder rausrinnen. Danach bin ich physisch und psychisch komplett am Limit, aber glücklich. Ich brauche keine Weltreisen oder sonst irgendwas, ich sammle diese „Yesss-Momente“. Das ist schon das gute Leben, von dem ich immer geträumt habe: Jetzt kann ich es mir endlich verwirklichen – und das Beste kommt noch.

Einer deiner besten Freunde sagt: „Der Marcel ist ein neuer Mensch, weil er wieder ganz der Alte ist.“ Kannst du damit etwas anfangen?

Absolut! Ein wichtiger Teil meiner persönlichen Entwicklung nach dem Rücktritt war, wieder mehr der zu werden, der ich vor und am Beginn meiner Karriere gewesen bin. Eigenschaften wieder viel mehr zum Vorschein zu bringen, die in den Hintergrund getreten sind, teilweise treten mussten, die mich aber ausmachen.


Und diese Persönlichkeitsanteile sammelst du jetzt alle wieder ein? Hast du schon wieder alle Tassen im Schrank?

Das müssen andere beurteilen. Inzwischen fühle ich mich wieder viel mehr wie dieser junge Typ von der Alm: ein bissl älter, reifer, gelassener und sicher auch offener. Ich weiß zu schätzen, wie viel Glück ich im Leben habe – und ich weiß auch, dass das Allermeiste nicht mein Verdienst ist. Weil du dir die wesentlichen Dinge im Leben nicht verdienen kannst: super Frau, tolle Family, coole Freunde, geile Hobbys, keine Sorgen und, was dazukommt, mir tut nicht mal etwas weh – trotz fünfzehn Jahren Profisport.

Spontan gefragt und weil du es vorhin erwähnt hast: Wann warst du zuletzt so richtig spontan?

Ha! Unser Kleiner ist jetzt gerade ein Riesenfan von Schneemännern – je größer, desto besser. Vor zwei Wochen fällt mir am Abend ein: Heast, jetzt baue ich ihm einen richtigen Riesen in den Garten! Ich hab einen Freund aktiviert, dann sind wir zwei selbst wie kleine Buben mit Ausziehleitern und Schaufeln dort draußen rumgeturnt, bis um halb zwei in der Früh, mit der Stirnlampe auf. Aber so an die acht Meter wird er schon haben, der Mega-Schneemann!

Fährt euer Sohn eigentlich schon Ski? Er ist jetzt fast schon im selben Alter wie du auf deinen ersten Videos...

Ein bissl rumbretteln hinterm Haus tut er, aber es interessiert ihn nicht sonderlich. Er meldet sich schon, wenn’s so weit ist. Wenn nicht: auch gut.

Du wirst für den Rest deines Lebens ein Nationalheld und eine Berühmtheit sein: Überwiegt da Stolz oder Sorge?

Na ja, fürs Berühmtsein kann ich ja in dem Sinne nichts. Ich bin schon stolz, dass ich im Sport was z’sammbracht hab und dass das die Wertigkeit hat. Aber Sorge? Nein, die habe ich im Ringelspiel gelassen, als ich ausgestiegen bin. (Lacht.)

'Ich arbeite gerne in kreativen Prozessen und Teams mit und habe wieder extrem viel Spaß daran, Content für Social Media zu produzieren. Wir sind da eine kleine Partie von Freunden, wir teilen dieselbe Begeisterung.'

Falco hat einst gesagt: Einmal Nummer 1 in den USA reicht für drei Generationen. Für wie viele Generationen reicht’s, wenn man acht Jahre ununterbrochen die Nummer 1 der internationalen Ski-Charts war?

Das kommt auf die Inflation an. Ernst-haft: Über so etwas denke ich nicht nach. Es geht uns gut, sehr gut. Keine Geldsorgen haben zu müssen ist schon Luxus. Alles, was darüber hinausgeht, macht fürs gute Lebensgefühl nicht mehr so viel Unterschied, jedenfalls nicht bei uns.

Du sagst ja, du bist nicht in Pension. Wie schaut denn dein Job-Alltag aus?

Die Partnerschaften mit Red Bull und Audi haben eine neue Qualität, seit es nicht mehr um Spitzensport, sondern um konkrete Projekte und gemeinsame Visionen geht. Ich arbeite gerne in kreativen Prozessen und Teams mit und habe wieder extrem viel Spaß daran, Content für Social Media zu produzieren. Wir sind da eine kleine Partie von Freunden, wir teilen dieselbe Begeisterung – mir geben die kleinen Abenteuer vor der Haustür am meisten.

'Die Begeisterung für die weiße Materie ist gleich geblieben, nur der Zugang ist viel entspannter.'


Man darf sich dein Freiberufler-Leben also nicht so vorstellen, dass du dich nach dem Frühstück ins Homeoffice setzt und deinen Tag in einem Endlosloop aus Videokonferenzen verbringst?

Teilweise schon, wobei mir einfach richtige Treffen lieber sind. Prinzipiell schau ich, dass ich am Vormittag raus und auf den Berg komm. Jetzt im Mo­ment mache ich meistens Skitouren, vorausgesetzt, das Wetter passt halbwegs.

Der ehemalige Ski-Rennfahrer ist jetzt Ski-Bergsteiger: Hat sich da bei dir an der Herangehensweise etwas geändert?

Die Begeisterung für die weiße Materie ist gleich geblieben, nur der Zugang ist viel entspannter. Ich bin ein alpinis­tischer Rookie, gehe nicht allein raus, sondern immer mit einem Profi, der sich mit Wetter und Lawinengefahr auskennt. Raufgehen tu ich gemütlich: kein Pulsmessen, keine Stoppuhr, kein Stress. Runterfahren tu ich meist sportlicher. Ich gehe rauf, um runterzufahren – und nicht um raufzugehen. Natürlich tüftle ich auch am Material rum. Drei, vier Stunden Tour reichen mir, ich mach keinen Spitzensport draus. Zum Mittag­essen bin ich wieder daheim. Dann geh ich mit dem Kleinen und dem Hund raus, g’schaftle im Haus herum, oder ich setz mich an den Schreibtisch und arbeite an meinen Projekten – die Work-­Life­Balance passt, nichts Besonderes ...

'Lustig ist: Zu meiner aktiven Zeit habe ich die Leute mit meinem Tüftler­-Wahn und meinem Perfektionismus oft zur Verzweiflung gebracht – und jetzt ist genau das mein Job!'

Nichts Besonderes? Du bist gerade dabei, ein internationales Start-up für ein Outdoor-Label zu gründen: The Mountain Studio. Wie geht es damit voran?

Genau meins! Diese Art, Expertise weiterzugeben, taugt mir extrem. Bei The Mountain Studio fließt mein Know­-how in die Bekleidung ein. Lustig ist: Zu meiner aktiven Zeit habe ich die Leute mit meinem Tüftler­-Wahn und meinem Perfektionismus oft zur Verzweiflung gebracht – und jetzt ist genau das mein Job! Ich weiß nicht, wie oft wir die Pro­totypen der Kollektion schon verändert haben, jede Naht, jeden Reißverschluss, jede Funktionslage. Das war gar nicht so intensiv geplant, aber ich bin so rein­gekippt, dass es jetzt mein Hauptjob geworden ist. Ich bin bei jedem Wetter draußen, je mehr Sauwetter, desto bes­ser. Ich teste, gebe Feedback, teste das Neue, gebe wieder Feedback.

'Inzwischen fühle ich mich wieder viel mehr wie dieser junge Typ von der Alm: ein bissl älter, reifer, gelassener und sicher auch offener.'

Dein Partner ist der Schwede Stefan Engström, der ja schon Marken wie Peak Performance und J. Lindeberg zu Welterfolgen gemacht hat...

Ja, Stefan kennt das Geschäft. Ich kenne ihn seit zwölf Jahren und wollte bei die­sem Projekt unbedingt dabei sein, weil mich die Philosophie dahinter fasziniert.

Was ist die Philosophie dahinter? Neues Label, fesche Outdoor-Kollektion und ein klingender Name aus dem Sport, der das alles total super findet?

Genau das nicht! Schau: Wenn ich früher gesagt habe „meine Winter­jacke“, dann war das die eine für alles, von Schule bis Skirennen. Ein Mensch, eine Jacke. Hat sie nimmer gepasst, hat sie mein Bruder gekriegt. An diese Idee von Einfachheit schließen wir mit The Mountain Studio an: kompakte Kollektion, reduziert aufs Wesentliche, ohne Kompromiss bei der Qualität, in zeitlosem Design. Für Leute wie mich, mit 70, 80 Outdoor­-Tagen am Berg, die EINE funktionelle Jacke haben wollen für alle Verhältnisse und jede Gelegen­heit. Das ist die Philosophie dahinter.

Coole Herangehensweise und sehr im Zeitgeist. Und was ist dabei dein Part: die Kompromisslosigkeit beim Material einzubringen?

So kann man es sagen. Nicht weil ich viele Weltcupkugeln gewonnen habe, sondern weil ich sie auch über meine Kompromisslosigkeit beim Material gewonnen habe, bin ich in diesem Pro­jekt. Die Realität der Branche schaut ja teilweise so aus, dass Outfits schon eigens so produziert werden, dass ihre Funktionalität bei Wärme­ und Feuchtigkeitsregulierung nicht länger als maximal für zwei Saisonen hält. Es heißt Skimode, weil sie ständig wech­selt, und sie wechselt ständig, weil eine Industrie dranhängt. Das hat mich schon als Rennläufer gestört: ein Haufen Zeug jedes Jahr, dass der Kofferraum kaum zugegangen ist. Aber wer, frag ich dich, braucht für jeden Sch... eine eigene Jacke? Kann jeder bei sich selbst nach­prüfen: Mehr als eine Lieblingsjacke hat man nicht. Kästen voller Fetzen, da hat man zu den Sachen weder einen Bezug noch Verwendung dafür. Deshalb gehen wir mit The Mountain Studio genau den entgegengesetzten Weg: Kauf dir einmal was G’scheites – und du hast es ewig! Wenn du etwas Neues haben willst, bitte bring deine gebrauchte Gar­nitur zurück. Wir bereiten sie neu auf – und jemand anderer freut sich, wenn er sie günstiger kriegt.

'Nicht weil ich viele Weltcupkugeln gewonnen habe, sondern weil ich sie auch über meine Kompromisslosigkeit beim Material gewonnen habe, bin ich in diesem Pro­jekt.'


Echt, ihr macht ein Recycling-System für eure Outdoor-Kollektion?

Ja. Materialien, Verarbeitung, Design: Wir machen weniger, das dafür hochwer­tig und auf Langlebigkeit ausgerichtet. Ein massiver Holztisch macht auch viel mehr Freude als ein paar zusammengeleimte Pressspanplatten.

Das klingt alles so, als wäre dir Nachhaltigkeit – mir fällt jetzt kein anderes Wort ein auf die Schnelle – sehr wichtig?

Augenmaß? Hausverstand? Vernunft? Der Begriff Nachhaltigkeit ist über­strapaziert, und als Umweltapostel bin ich der Falsche, ich bin ja selbst mit 500 Kilo Material nach Amerika geflogen. Ich habe mir nie sonderlich viel dabei gedacht. Das hat sich verändert. Ich geh mit einem Stoffsackl einkaufen. Und ich lese das Kleingedruckte auf den Produk­ten. Weil eines ist klar: Wir müssen alle ein neues Bewusstsein für den Umgang mit unseren Ressourcen entwickeln.

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